The Great Smile

Wie ich alte Industriegeschichte in Witten mit digitalen Mitteln dokumentiere

Als Hobbyhistoriker hab ich mich vor ein paar Jahren in die Geschichte der kleinen Zechen und Fabriken rund um Witten verliebt. Meine Sammelleidenschaft füllt mittlerweile drei Ordner mit alten Fotos, Zeitungsausschnitten und handgeschriebenen Notizen. Das Problem: Diese Schätze liegen bei mir im Schrank und keiner außer mir sieht sie. Irgendwann fragte ich mich, wie ich meine Funde zugänglich machen kann, ohne ein komplettes Buch zu schreiben. Ein befreundeter Lokaljournalist zeigte mir damals die Witten Deel Webseite, eine Plattform, auf der Leute aus der Region Erinnerungen und Dokumente teilen. Das war der Wendepunkt. Plötzlich hatte meine Recherche einen Ort, wo sie nicht nur auf Papier verstaubt.

Ich bin kein IT-Profi und hab mich anfangs schwergetan mit Foren oder komplizierten Content-Management-Systemen. Aber genau darum geht es: Man muss kein Technikfreak sein, um lokale Geschichte lebendig zu halten. Die Werkzeuge sind da, man muss sie nur nutzen. In diesem Artikel erzähle ich von meinen Erfahrungen, von Sackgassen und kleinen Erfolgen. Vielleicht hilft es dir, wenn du selbst in alten Akten und Erzählungen wühlst und nicht weißt, wohin damit.

Die Arbeit mit Quellen, die niemand mehr hütet

In Witten gibt es Überreste der Industrie an jeder Ecke: verblichene Firmenschilder, verwachsene Gleise, ein stillgelegter Förderturm mitten im Wald. Die eigentliche Geschichte steckt aber in den Menschen, die dort gearbeitet haben. Ich hab ein Interview mit einem 85-jährigen ehemaligen Walzwerker geführt. Er sprach von Schichtarbeit, von einer Explosion in den 1960ern, von Kumpeln, die er nie wieder sah. Solche Erzählungen sind unbezahlbar, aber sie sind fragil: Ein Tonbandgerät reicht nicht, man muss die Aufnahmen irgendwo ablegen, mit Kontext versehen und für andere auffindbar machen.

Deshalb war für mich die Entscheidung wichtig, einen digitalen Ort zu wählen, der nicht von heute auf morgen verschwindet. Ich suchte nach einer lokalen Gemeinschaftsseite, nicht nach einer großen kommerziellen Plattform. Die Idee: Meine Audiodateien, Fotos und eingescannten Briefe sollten dort landen, wo sie jemand aus Witten zufällig finden kann. So kam ich auf die Witten Deel Seite – aber das ist nur ein Teil des Puzzles. Viel entscheidender ist die Methode, wie ich die Fundstücke aufbereite.

Vom Fundstück zur digitalen Spur

Ich mache mir vor jedem Upload eine Liste, was ich weiß und was nicht. Ein altes Werksfoto von 1925: Wer ist darauf? In welcher Halle steht die Maschine? Oft kommen mir die Antworten erst Monate später, wenn ich ein zweites Dokument finde. Deshalb verlinke ich meine Beiträge untereinander. Das ist mühsam, aber es schafft ein Netz, das dicker wird. Hier ein Beispiel, wie ich vorgehe:

  • Scan des Originals in hoher Auflösung, aber auch eine kleinere Version für die Vorschau.
  • Transkription von handschriftlichen Notizen – maschinenlesbar machen, damit Suchmaschinen sie finden.
  • Geodaten: Ich notiere den genauen Ort der Aufnahme oder des Ereignisses.
  • Schlagwörter: Nicht nur “Zeche”, sondern auch “Dampfmaschine”, “Schichtwechsel”, “Witten-Annen”.

Diese vier Punkte haben mir geholfen, aus einem chaotischen Haufen ein geordnetes Archiv zu machen. Jeder Schritt ist simpel, aber zusammen ergeben sie etwas Wertvolles. Inzwischen habe ich über zwanzig Beiträge online, und dreimal wurde ich von Leuten kontaktiert, die weitere Details wussten. Das hat mich bestärkt: Digitalisierung von Lokalgeschichte funktioniert, wenn man sie bodenständig angeht.

„Ein Foto ohne Geschichte ist nur ein Stück Papier. Die Geschichte ohne Foto ist unsichtbar. Beide brauchen ein Zuhause, um zu überleben.“

Fallstricke, die ich dir ersparen will

Ich habe Fehler gemacht. Erstens: Ich wollte alles perfekt machen und steckte in der Planungsphase fest. Zweitens: Ich scherte mich nicht um Urheberrechte bei älteren Fotos. Ein Verwandter eines abgebildeten Arbeiters meldete sich und wünschte die Löschung. Das war unangenehm. Drittens: Ich beschriftete Bilder nur mit Dateinamen wie “IMG_4723.jpg” – unbrauchbar für andere. Aus diesen Patzern hab ich gelernt. Hier eine Liste, was ich heute anders mache:

  • Immer eine Einwilligung einholen, wenn lebende Personen erkennbar sind.
  • Kurze Bildunterschriften direkt in die Metadaten schreiben.
  • Nicht alles auf einmal hochladen, sondern in kleinen Paketen.
  • Die eigene Begeisterung zügeln und lieber drei gute Beiträge als zehn halbgare.

Dieser pragmatische Ansatz bewahrt mich vor Frust. Die Geschichte Wittens ist zu reich, um sie mit übereifrigen Aktionen zu verschütten. Es geht um Sorgfalt, nicht um Tempo.

Warum lokale Plattformen besser sind als große Portale

Ich hab anfangs auch auf Facebook und in einer städtischen Datenbank gepostet. Aber Facebook begräbt alte Beiträge unter neuem Content, und die Datenbank war nur für angemeldete Forscher zugänglich. Eine lokale, offene Webseite wie die von Witten Deel dagegen lebt von der Mischung aus Laien und Fachleuten. Dort kann ich meine Sachen mit einer kleinen Einleitung versehen und direkt mit anderen Nutzern in Kontakt treten. Die Leute erinnern sich, kommentieren, spendieren ein selbstgezeichnetes Kartenmaterial. Dieser Austausch entsteht nicht auf einem anonymen Imageboard. Er braucht eine Adresse, ein “Da drüben in Witten”.

Wenn du selbst in Archiven stöberst oder alte Werkzeuge besitzt, die du verorten möchtest, probier es einfach aus. Such dir eine Nische, egal ob der alte Bahnhof oder die Geschichte der Bäckerei um die Ecke. Fang mit einem einzigen Fundstück an. Die digitale Gemeinschaft wartet darauf, dass jemand den ersten Stein ins Wasser wirft. Und die Wogen gehen weiter, als du denkst.

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